INTERPANNONISCHER CONCERTVEREIN

Das Buch mit sieben Siegeln

Einführung von Franz Schmidt zur Uraufführung am 15. Juni 1938

„Meines Wissens ist mein Versuch, die Apokalypse zusammenhängend zu vertonen, der erste, der bisher unternommen wurde; einzelne dazu besonders geeignete Stellen wurden allerdings schon wiederholt komponiert. Als ich an diese Riesenaufgabe herantrat, war mir klar, dass die Voraussetzung dazu darin lag, den Text auf eine Form zu bringen, die alles Wesentliche womöglich dem Wortlaute nach beibehielt und dabei die geradezu unübersehbaren Dimensionen des Werkes auf durchschnittlichen Menschenhirnen fassbare Maße brachte. Dabei sollte der Bau in seinen äußeren Umrissen und inneren Zusammenhängen intakt bleiben. Mit Ausnahme des Umstandes, dass ich die Briefe des Johannes an die  sieben Gemeinden zu einer Begrüßungsansprache vereinigte, hielt ich mich zunächst ganz an das Original; die Berufung des Johannes durch den Herrn, sein Erscheinen vor dem Thron, die Huldigungszeremonie, das Buch in der Hand des Herrn, die Vision des Lammes, das Entgegennehmen des Buches durch das Lamm, all dieses ist beinahe im Wortlaut dem Original nachgebildet. Der anschließende kurze Dankgottesdienst rundet den Akt zu einem „Prolog im Himmel” ab.“

„Der nun folgende Teil des Werkes bringt die Lösung der ersten sechs Siegel durch das Lamm: die Geschichte der Menschheit wird vorauserzählt. Nach Segens- und hoffnungsreicher Ausbreitung der christlichen Heilslehre durch den weißen Reiter (Jesus Christus) und seine himmlischen Heerscharen verfällt die Menschheit in Nacht und Wirrsal; der blutrote Reiter überzieht die Welt mit seinen höllischen Heerscharen und stürzt die Menschheit in den Krieg aller gegen alle.  

Zum ersten Teil:

Der dritte (schwarze) und der vierte (fahle) apokalyptische Reiter führen weiterhin die Folgen des Weltkrieges vor: Hungersnot und Pest. Die Menschheit ist zum größten Teil zugrunde gegangen und in Verzweiflung versunken: nur ein ldeiner Rest hält noch am Glauben fest. Beim Aufbrechen des fünften Siegels treten die Seelen der Glaubensmärtyrer und anderer Opfer menschlicher Verbrechen in Erscheinung. Sie rufen nach Gerechtigkeit und Vergeltung. Der Herr heißt sie noch ausharren und verspricht ihnen Gerechtigkeit am Tag des großen Gerichtes. Da der größte Teil der noch übrigen Menschheit auch weiterhin in Sünde und Verstocktheit verharrt, vertilgt sie der Herr durch Erdbeben, Sintflut und Weltbrand, was durch das Aufbrechen des sechsten Siegels offenbar wird.

Damit schließt der erste Teil. Die sich hier ergebende Zäsur bot die einzige Gelegenheit, das im Original nunmehr wie ein Ozean alles überflutende Material in eine vertonbare Form zu bringen. Johannes führt nämlich  in zahllosen Varianten und Wiederholungen von Gleichnissen und Bildern in ungeheurer Steigerung den Kampf gegen den Sündenpfuhl Babylon (gemeint ist: das damalige kaiserliche Rom) bis zu dessen völliger Vernichtung aus, um den endgültigen Sieg des Christetums in der Vision des neuen Jerusalem aufzuzeigen und zu verherrlichen. Ich habe es nun gewagt, die beiden ersten Faktoren der Antithese Babylon-Jerusalem, Heidentum-Christentum, Verworfenheit-Tugendhaftigkeit usw. samt allem darauf bezüglichen Material auszuscheiden. Die fundamentale Antithese hat dadurch meinem Empfinden nach an Kraft und Bedeutung nichts eingebüßt. Dafür aber wurde durch die Entlastung von Material der Bau eines proportionierten zweiten Teiles im Sinne des Originals möglich.“

Zum zweiten Teil:

„Der zweite Teil beginnt mit der großen Stille im Himmel, die beim Öffnen des siebenten Siegels eingetreten ist. Während dieser Stille erzählt uns Johannes gleichsam in Parenthese die Geschichte des wahren Glaubens und seiner Kirche von der Geburt des Heilands angefangen, von ihren Kämpfen gegen die Anhänger des Teufels und deren falsche Lehren und von ihrem endgültigen Sieg. Nach dem großen Schweigen im Himmel, das bis an das Ende aller irdischen Zeit während anzunehmen ist, rüsten die sieben Posaunenengel zum Blasen des schauerlichen Appells für das Jüngste Gericht. Über dieses selbst berichtet Johannes wie im Original nur ganz kurz, um aber umso eindringlicher darzulegen, dass die Weltenwende angebrochen sei, dass nunmehr eine neue Erde jene trage, die das ewige Leben haben und dass ein neuer Himmel über ihnen blaue. Und der Herr spricht zu den Geläuterten, dass er mit ihnen wohnen wird und sie seine Kinder sein werden und er ihr Vater. Nachdem die Geläuterten dem Herrn mit Halleljah gedankt und gehuldigt haben, schließt Johannes seine Offenbarung mit einer kurzen erläuternden Abschiedsansprache ab.

Ich habe mich also, mit Ausnahme der oben einbekannten Elision, genau an das Original gehalten und habe zum Werk einzig vom Standpunkt des tiefreligiösen Menschen und des Künstlers aus Stellung genommen. Diese Stellungnahme mag auch manche Freiheit in der Auffassung erklären; so zum Beispiel, dass ich Johannes, der zur Zeit der Abfassung der Apokalypse hochbetagt war, als jungen Mann auffasse und  dessen Musik mit dem Temperament eines solchen komponierte..

Über die Musik selbst seien mir lediglich einige das Formale betreffende Bemerkungen gestattet. Da der Text die Funktion hat, das Knochengerüst der Komposition abzugeben und somit nicht nur die äußeren Konturen des Werkes bestimmt, sondern auf das Wachstum aller seiner Organe maßgebenden Einfluss nimmt, so erscheint die vokale Komponente des Werkes als die primäre seiner Gesamtentwicklung.

Ich war nun bestrebt, von diesem Gesichtspunkte aus die künstlerischen Aufgaben auf alle am Aufbau des Werkes mitarbeitenden Kräfte in möglichst gleichem Maße zu verteilen. Daraus folgt zum Beispiel, dass dem Orchester zwar durchaus keine untergeordnete, aber auch keine dominierende Rolle zufällt. Es begleitet durchgehend im hochdramatischen Stil, hat auch gelegentlich tonmalerische Aufgaben zu lösen; dagegen hat es keine selbständigen symphonischen Sätze wie Vor- und Zwischenspiele auszuführen; diese habe ich vielmehr der Orgel zugeteilt, die in diesem Werke grundsätzlich als souveräner Klangkörper behandelt wird und nicht etwa bloß im Orchester mitwirkt.

Die Disposition der Gesangspartien ist in großen Zügen folgende: Johannes, der zwischen den beiden musikalisch gleichlautenden Ansprachen (Begrüßung und Abschied) seine Offenbarung vorträgt, wird darin von den vier Solisten und den Chören, die teils als handelnde Personen, teils als Miterzähler fungieren, unterstützt. Von den Solopartien ist die Stimme des Herrn (Baß) die prominenteste. Sie ertönt dreimal: gleich zu Anfang zur Berufung des Johannes, dann im ersten Teil zur Besänftigung des Aufruhrs im Himmel und endlich im zweiten Teil zur Verkündigung der Heils- und Gnadenbotschaft. Außer diversen Quartett- und Ensemblesätzen (als Engel und dergleichen) haben die Solisten im ersten Teil zwei Duoszenen auszuführen, und zwar die von Mutter und Tochter (Sopran und Alt) und die der beiden Überlebenden auf dem Leichenfelde (Tenor und Baß). Die Chöre, über das ganze Werk verteilt und verschiedenartig beschäftigt, haben  wichtige selbstständige Sätze auszuführen: Im Prolog die Vision des Lammes (mit Tenorsolo) und denSchlußchor.

Im ersten Teil: „Der König der Könige“; der Krieg; der Aufruhr im Himmel; der Weituntergang.

Im zweiten Teil: Der Appell zum jünsten Gericht (Qualrupelfuge) und das Hallelujah amEnde.

Wenn es meiner Vertonung gelingt, diese beispiellose Dichtung, deren Aktualität jetzt (…) so groß ist wie am ersten Tage, dem Hörer von heute innerlich nahe zu bringen, dann wird dies mein schönster Lohn. sein.“

Franz Schmidt

[ ZURÜCK ]

DE
EN DE